Maria Anna Sagar

 

Eine famose Entdeckung zum Weltfrauentag:
Wer von Ihnen kennt sie? Maria Anna Sagar, geboren als Maria Anna Radoschny (* 24. Juli 1727 in Prag; † 4. Juni 1805 in Wien), Österreichs erste Romanautorin! Sie punktet bis heute mit Chuzpe, Witz und Rückgrat. Eine der Frauen, von denen man zu Recht sagen kann, sie seien für ihre Zeit zweihundert Jahre zu flink gewesen. In ihrem zweiten Roman »Karolinens Tagebuch« schreibt sie über die Fleischbeschau des Heiratsmarkts, bei dem es seitens der jungen Frauen vor allem darum gehe, sich selbst »[…] in einem kaufbaren Wert […]« zu halten:
»[…] wir Mädchen wurden gleich einem neuen Tyrollerkramm von allen [N]eugierigen umringt und gleichsam mit den Augen verschlungen, vom Kopf bis zu den Füßen mit redenden Blicken durchforschet und abgeschätzet; ja ich wartete immer, ob man uns nicht, wie andere Waren in die Hand nehmen würde […].«
(Maria Anna Sagar »Karolinens Tagebuch« 1774)
 
Maria Anna Sagar nimmt in ihren Intros die Herren der Schöpfung, durchaus kokett, auf die Schippe. So empfiehlt sie ihnen in ihrem ersten Roman, doch lieber das Kopfschütteln über schreibende Frauen zu lassen:
»[E]ine Vorrede zu schreiben, die voller kriechenden Empfehlungen an die Herren Kunstrichter, gerichtet seyn sollte, um ihren, für mein Geschlecht so wenig bedeutenden Beyfall, zu erbetteln. . . . . O[,] das sollen [S]ie von mir ja nicht erwarten! ich kann meinem Geschlechte nicht so viel von seinen Gerechtsamen vergeben; die finstern Gelehrten nennen es selbst das Schöne, folglich müssen [S]ie auch alles, was von uns kommt, ohne Ausnahme für schön erkennen, – und hierunter ist meine gegenwärtige Arbeit auch mit verstanden. – […] Und ich rathe es Ihnen noch einmal, meine Herren Leser! tadeln [S]ie nichts an meinem Wer[k]en; den Kopf sollen [S]ie nicht einmal darüber schütteln! oder ich werde mich mit einer Fortsetzung an [I]hnen rächen.«
 
Offenbar hielten sich die Herren Kritiker nicht daran; oder vielmehr: weder die Herren noch die Damen, sondern sie sprachen allesamt recht gerne einer Frau im 18. Jahrhundert, die obendrein keine Adelige war, jegliche Kompetenz schlicht ab: Unmöglich könne sie gebildet genug sein, um das Wort zu ergreifen.
Selbst in Christine Touaillons Darstellung aus dem Jahr 1910 mit dem Titel »Der deutsche Frauenroman des 18. Jahrhunderts« findet sich noch der alte Zeitgeist:
»Maria Anna Sagar tritt unmittelbar nach Sophie La Roche in die Literatur ein. Sie ist zu dieser Zeit nicht mehr jung, stammt aus kleinbürgerlichen Kreisen und aus dem damals literarisch noch auf tiefer Stufe stehenden Österreich [sic!], soll aber durch ihren Vater eine gründliche Bildung erhalten haben. Nach seinem Tode diente sie als Magd in einem Hause, in dem sie sich geistig vervollkommnen konnte, Ihre Ehe mit dem Prager Schloßhauptmann Johann Sagar brachte sie wieder in eine höhere und geistig belebte Umgebung.«
Es bedarf aber nicht nur einer möglichst gesicherten Bildungsbiographie, eine Unmöglichkeit für Frauen jener Zeit, es bedarf vor allem der Männer rundum, die sie – komme, was wolle – gefördert haben müssen, da sonst jedwedes weibliches Schreiben undenkbar sei:
»Ihr Gatte verfaßte mehrere Lustspiele; falls de Lucas Angabe richtig ist, trat Maria Anna Sagar aber früher in die Öffentlichkeit als ihr Mann: die Anregung muß also nicht von ihm ausgegangen sein. Als Frau wurde sie mit Sonnenfels bekannt; vielleicht munterte er sie zur Schriftstellerei auf; wahrscheinlich machte er sich um ihre geistige Entwicklung verdient.« (Christine Touaillon)
Blöd nur, dass Maria Anna Sagars gewitzter Geist keine Tendenz zu schöngeistiger Lieblichkeit erkennen ließ, sonst wäre ihr Werk ja durchaus zu feiern gewesen. Ihre Romane waren keineswegs als sanfte Streicheleinheiten, zur Erbauung der Damen, mit dem Segen der Ehegatten, geeignet. Nochmals Christine Touaillon:
»Nirgends fügt Maria Anna Sagar ihrer Erzählung Wissenselemente ein, nirgends versucht sie mit Kenntnissen zu prunken. Sie macht den Eindruck einer Frau, die viel gelesen und daneben etwas gelernt hat, deren beweglicher Geist es aber vorzog, sich mit den eigenen Lebensfragen zu beschäftigen, statt tiefer in einen Wissensstoff einzudringen. Das mag ihren literarischen Arbeiten insoferne zugute gekommen sein, als die Frische und Eigenart einer nicht allzu starken Begabung nicht durch Konvention verwischt wurde.« Wen sollte es also wundern, dass Sagars Zeitgenossen in ihrem ersten Briefroman »[…] die Einförmigkeit des Inhalts tadelten. Dieser Tadel bildet den Ausgangspunkt der Satire, welche einen großen Teil der Handlung von „Karolinens Tagebuch" ausfüllt.« (Christine Touaillon)
 
Ja, Maria Anna Sagar nennt ihn gar keck einen Tagebuchroman »ohne ausserordentliche Handlungen oder gerade so viel als gar keine«. Auf diesen Untertitel nimmt auch der Prolog auf der nächsten Seite Bezug: »Wie[,] meine lieben Leserinnen, Sie haben das Titelblatt gelesen, und wollen doch in dem Buche noch weiter umblättern; hat es sie nicht gewarnet, das Werkchen gleich wieder wegzulegen; wollen sie mit Nichts – und was ist ein Tagebuch ohne ausserordentliche Handlungen anderst – ihre Zeit versplittern? Ich sage Ihnen noch einmal, es ist Nichts. Was können Sie sich von einem böhmischen Frauenzimmer versprechen; wie kann die nur auf den Gedanken verfallen ein Buch zu schreiben. Was kann es seyn, als . . . Doch gefällt Ihnen vielleicht meine Offenherzigkeit? Nu . . es kann seyn, daß manches auswärtige Frauenzimmer die Leser vor ihrem Werkchen – wäre es auch noch so unbedeutend, nicht so aufrichtig warnen würde, wie ich; vielleicht aber kenne ich auch mein Geschlecht besser, und verstehe es, ihre Neugier zu reizen: so schliesse ich nach mir selbst. Denn je mehr man mich von etwas abhält, desto begieriger bin ich darauf. Aber nur still! das bleibt unter uns Frauenzimmern im Vertrauen gesagt.«
 
Wir aber schließen mit: So sei es! Lasst euch bloß nicht abhalten, von dem, was euch zu tun vorschwebt!
 
Werke:
»Die verwechselten Töchter, eine wahrhafte Geschichte, in Briefen entworfen von einem Frauenzimmer«,
anonym veröffentlicht (1771)
»Karolinens Tagebuch ohne ausserordentliche Handlungen oder gerade so viel als gar keine«,
veröffentlicht unter dem Kryptonym „M.A.S.“ (1774)

 

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